Jahrestagung des IIMF 2013

›Neue Evangelisierung
im neuen Pontifikat‹

Ein Tagungsbericht von
Prof. Dr. Michael Sievernich SJ


Unter diesem Titel fand am 27./28. September 2013 in Mainz die Jahres­tagung des Internationalen Instituts für missions­wissen­schaftliche Forschungen (IIMF e.V.) statt, die in Kooperation mit der Akademie des Bistums Mainz (Erbacher Hof) veranstaltet wurde. Die Tagung war von Mitgliedern des IIMF und weiteren Interes­senten gut besucht und fand sehr positive Resonanz. Zu den Aufgaben des IIMF gehören unter anderen die Herausgabe der »Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religions­wis­sen­schaft« (ZMR) sowie die Veran­staltung von Tagungen und Symposion zu Themen der Missionswissenschaft.

Evangelisierung ist seit geraumer Zeit zu einem kirchlichen Aller­weltswort geworden, das in aller Munde ist. Das ist gut und zu­gleich problematisch. Gut, weil ein Grundwort biblischen Ursprungs wieder in die Sprache der Kirche zurückfindet, problematisch, weil der inflatio­näre Gebrauch den Begriff unscharf und beliebig zu machen droht.

Wenn man die Karriere des Begriffs »Evangelisierung« nachgeht, stellt man zunächst überrascht fest, dass das Wort weder als Verb noch als Nomen in der Einheitsübersetzung vorkommt, obwohl der vielfache Gebrauch des Worts »euangelízesthai« und seiner Ab­leitungen im Neuen Testament nicht zu übersehen ist. Das rührt daher, dass die Einheitsübersetzung das Wort nicht als Lehnwort übernimmt, sondern umschreibend übersetzt, mit »die gute Bot­schaft verkünden« oder ähnlichen Wendungen. Auch verwundert es, dass zwar die lateinische Bibelübersetzung der Vulgata von »evangelizare« spricht, aber die Theologie dieses Wort lange Zeit nicht nutzte, um das Missionsgeschehen zu benennen.

Immerhin brachte ein spanischer Missionar in Amerika das Wort wieder in Umlauf und sprach von einer neuen Methode des Evan­gelisierens. Für diese neue Evangelisierung nannte er drei Be­din­gungen, die bis heute gelten dürften:

die Integrität des Lebens, also die Übereinstimmung von Glaube und Lebenspraxis;
die Kenntnis des kulturellen Kontextes, in dem Evangelisierung stattfindet;
das Erlernen der jeweiligen Sprache als neues »Pfingstwunder«.

Die Karriere der jüngsten Zeit ist bekannt, da das Zweite Vati­ka­vnische Konzil den Begriff der Evangelisierung wieder aufgriff und Papst Paul VI. ihm durch sein Schreiben Evangelii nuntiandi (1975) durch die Verbindung mit der Befreiungsidee neue Schubkraft verlieh, die von den Synoden Lateinamerikas zur »befreienden Evange­li­sierung« umgeformt wurde. Ein gewisser Endpunkt der Entwicklung schien mit der Einrichtung eines neuen Päpstlichen Dikasteriums zur »Neuen Evangelisierung« (2010) durch Benedikt XVI. und eine römische Bischofssynode zum Thema (2012) erreicht zu sein. Doch im neuen Pontifikat des latein­ameri­ka­nischen Jesu­iten Papst Fran­ziskus hat Evangelisierung eine neue Dringlich­keit angenommen. Denn er betont in seiner Vorkon­klaverede die Evangelisierung als »Daseinsgrund der Kirche« und dringt auf das Heraustreten der Kirche aus ihrer Selbst­be­züg­lichkeit (autor­referencialidad) und das Hin­gehen zu den Peripherien, nicht nur den geographischen, sondern auch den existentiellen Rändern, die säkularen und postsäkularen Peripherien eingeschlossen.

Diese Tagung wollte das alte Thema der Evangelisierung und die aktuellen Entwicklungen im neuen Pontifikat beleuchten. Die neue Dynamik, die sich hier zu entfalten scheint, war schon im Zweiten Vatikanischen Konzil grundgelegt, das sich in seinen Aussagen aufgrund seiner »Pastoralität« (vgl. Gaudium et spes Nr. 1) auf den zeitgenössischen Kontext bezog. Einen höchst angemessenen Interpretationsschlüssel bildet die »Hermeneutik der Evange­lisie­rung«, die der Kontinuität ebenso gerecht wird wie den Dis­kon­tinui­täten, die bisweilen erforderlich sind, um auf der Spur des Evan­geliums zu bleiben (vgl. M. Delgado / M. Sievernich [Hg.], Die großen Metaphern des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ihre Bedeutung für heute, Freiburg i.Br. 2013).

Das Thema wurde aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, um seine besondere Bedeutung in der Gegenwart zu verdeutlichen und das missionarische Potential für die Zukunft der Kirche auszu­leuchten. Eine erste mehr geographische Perspektive blickte auf das Programmwort der (Neuen) Evangelisierung in der Gegenwart (Dr. Hubertus Schönemann, Erfurt) und auf verschiedenen Konti­nenten: in Europa (Bischof Dr. Felix Gmür, Basel), in Latein­ame­rika (Dr. Stefan Silber, Würzburg) und in Afrika (Prof. Dr. Chibueze Udeani, Würz­burg); letzterer hat seit 2012 den Stiftungs­lehrstuhl Missions­wissenschaft und Dialog der Religionen an der Universität Würzburg inne. Neben dieser geographische Perspektive kam als weiterer Blickwinkel das noch junge Pontifikat von Papst Franziskus zur Sprache, insbesondere seine geistlichen Quellen; daher wurde nach der »jesuitischen Inspiration« für die Evan­ge­li­sierung gefragt (Prof. DDr. Dr. h.c. Hans Waldenfels SJ, Essen) und nach der »fran­zis­kanischen Inspiration« (Prof. Dr. Thomas Dienberg OFMCap, Münster), da der Papst durch seine Herkunft aus dem Jesuiten­orden und die Wahl des franziskanischen Namens in beiden Orden­tradi­tionen steht. Eine dritte Perspektive schließlich war mehr sachlich orientiert und bezog sich einerseits auf die »caritative Dimension der Evangelisierung« (Prof. Dr. Klaus Baumann, Frei­burg im Breisgau) und andererseits auf die deren »charis­ma­tische Dimension«, be­sonders hinsichtlich des zunehmenden Pen­te­kos­talismus (Prof. Dr. Margit Eckholt, Osnabrück). Überdies wurden diese drei Perspektiven, die sich wechselseitig spiegelten und bereicherten, in den Zu­sam­menhang der religiösen Land­schaft er Gegenwart gestellt und unter dem Titel: »Jenseits von Dogma und Moral - Religiöse Orien­tie­rungen im (post)­sä­ku­laren Kontext« (Prof. Dr. Hans-Joachim, Höhn, Köln) verhandelt. Bei einem an­schließenden Podium diskutierten die Referentin Frau Prof. Eckholt und weitere Referenten unter der Tagungsleitung von Prof. Dr. Michael Sievernich SJ über die Frage: »Mission im sä­ku­laren Zeit­alter?« Das Symposion gab durch seine Multi­per­spek­tivität zahl­reiche alte und neue Einblicke in komplexe Frage­stellungen, die das Thema der Evangelisierung ausgelöst hat und weiterhin auslöst.

Das Symposion stellte aber auch zahlreiche Fragen und gab An­stöße zu Fragen, die auf der spirituellen, pastoralen, sozialen und theologischen Ebene weiterzudenken sind. Dabei gilt es die inter­kulturellen Ansätze der Evangelisierung wahrzunehmen und damit die Schätze eines sich zunehmend inkulturierenden Christentums zu heben. Von großer spiritueller Bedeutung ist die Wahrnehmung der Prä­senz Christi in der Liturgie, insbesondere in der Eucha­ristie, aber auch in Gottes Wort, das die Kirche ehrfürchtig zu hören und getreu zu verkünden hat (vgl. Dei verbum Nr. 1); schließlich auch die Präsenz in der Diakonie (vgl. Mt 25), so dass die Kirche zur »Dia­ko­nin der Welt« werden kann, zumindest aber diakonische Pro­ta­go­nistin und Prophetin der Caritas. Die spirituelle Wahr­nehmung aber führt auch zu einer neuen missionarischen Agenda, welche die diakonische Dimension einerseits und die charis­matische ande­rer­seits betont und dabei die Verschiedenheit der kontextuellen Räume bis zu ihren Rändern im Blick hat, in denen das verbale und non-verbale Sprechen vom Evangelium und die vielfältigen Dialoge statt­finden. Hier dürften es die wachsenden urbanen Räume sein, in denen die Kirche zum Resonanzkörper der ihr anvertrauten Botschaft wird und in denen sie mit den anderen Gott sucht, der ohnehin »in der Stadt lebt« (Aparecida Nr. 514). Die größte theologische Her­aus­forderung dürfte die Frage nach einer Theologie des Heiligen Geistes sein, die Yves Congar schon in Konzilszeiten angestoßen hatte und die heute für den kirchlichen Strukturwandel und die Rolle der Laien ebenso von Bedeutung ist wie für die missionarische Dynamisierung der Kirche. - Die Vor­träge des Symposions werden im kommenden Jahr 2014 in der ZMR veröffentlicht werden.
 
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